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18 Grad Minus – Teil 2
Der Himmel
Der Himmel
geschwollen unter den Lidern
gezogener Schwur
weißer Streif in der Ferne
ohne Anfang ohne Ende
stehe nackt mit geschlossenen Augen
ein kleiner blauer Punkt
liegt auf der Zunge
schlägt aus
und schießt hinauf zur Stirn
bewegter Mund
ein Lächeln
zwischen hier und dort
Gestern noch
Gestern noch
Ertrug ich Deine unverholene Selbstgier
Vertraut beschwingte mich die Lust
Doch heute
Betrachte stumm
Was Tags zuvor
Wie Klebstoff zäh
Als Bindung galt
Doch heute
Betrunken möchte ich sein
Taumelnd auf dem Sofa landen
Willenlos nach morgen schreien
Ohne Sinn
Doch heute
Schlage meinen Kopf entzwei
Schleudre meinen Körper
Hin
Wo ich ihn suchen muß
Entreiß mich jetzt
Doch heute
Ist es Feigheit
Tiefes nichts
Oder ist mein Wunsch
Wo anders schon erfüllt
Gestern war
Heute ist
Und morgen wird sich zeigen
Pia
Warum ging dieses Stäbchen immer so schwer in die vorgestanzten Löcher.
Mit der einen Hand hielt sie das zarte Riemchen, mit der anderen versuchte sie, das Stäbchen mit Treffsicherheit an seinen Bestimmungsort zu bringen.
Mit einem flüchtigen Blick nahm sie wahr, dass die Sonne schien. – Also höchste Zeit, nach draußen zu gehen. – Mit großem Schwung fand sie ihren Stand auf den nun angeschnallten, gigantisch hohen Pumps.
Jetzt musste nur noch durchdacht sein, welcher Mantel an einem solchen Tag passend war.
Nichts durfte heute, gestern, morgen, zufällig oder gar beliebig sein.
Sie war bereit. Ein kurzer intensiver Blick in das reflektierende Gegenüber und die Tür wurde geschlossen.
Egal wo sie auch hinging, war ihr Schritt immer zielstrebig und durchdringend. Ihre Augen sezierten ihr Feld und gaben die gewonnen Informationen an die Geschichtenmaschine weiter.
Am liebsten trug sie Sonnenbrille, um die Richtung und den Ausdruck ihrer Augen verborgen zu halten. Je mehr sie Äußeres wahrnahm je mehr konnte sie sich von ihren Gefühlen schützen.
Es war von Mal zu Mal das Gleiche – sie verliebte sich. – Nur kurz. – Dann war er einer der Seiten, die mit Nagellack zusammengehalten werden und nur mit Zerstörung wieder voneinander getrennt werden konnten.
Mit dem trocknen des Nagellacks, an den Seiten ihres Tagebuchs, glaubte sie auch jedes Mal, diesen fatal chemischen Geruch des Lacks auf der Zunge zu schmecken.
Keine der Seiten hatten eine Bedeutung, so wollte sie es wissen, und doch etwas blieb.
Warum wollte jeder mehr erfahren, als das was offensichtlich war. – Sie war doch nicht mal selbst bereit. – Wozu ? – Solche unvermeidlichen Diskussionen blähten ihren Kopf und trieben ihn wie eine Leiche ans Ufer.

Gelobtes Leid
Gelobtes Leid
Das schwer auf meinen Schultern rastet
Magst lustig dich vergnügen
Doch sei gewiss
Auch du bist nur
Weil gnädig
Ich dir diesen Platz gewähre
Sobald die Last
Keinen Halt mehr findet
Wird auch sie den Boden küssen
Drum bleib gewarnt
Bevor ein Lächeln dich verwirrt
Und streitig macht
Was scheinbar doch
Zu deinem Reich gehört
Ungeahnte Leichtigkeit
Beraubt – entsinnt
Die Macht
Leid
Versteh nicht miss
Vertreiben war nicht mein Gedanke
Doch wenn’s geschieht
So ists an dir
Mit Stolz und ohne Zagen
Vergangenheit zu sein
Klebrig
Klebrig, träge liegt ,
Vergangenheit – Erinnerung schwer im Magen .
Verdaut geglaubtes, stößt so manchmal wieder auf
Doch spitzt, mit langer Nase, die Zukunft
Ihren Kopf zur Tür hinein
Kann man ihr traun
So schelmisch lächelnd
Wer weiß was sie verbirgt
Wankend zwischen Qual und Lust
Die Gegenwart
Wär doch alles mehr versöhnlich
Ließe was es war
Und nähme wie es kommt
Hallo du trübes Bild von gestern
– was kümmert mich dein fettes Leid
Ahoi, setz Segel
Bevor das denken uns im Wege steht
Es ist an Dir
Die Route zu bestimmen
Und Heute ist schon morgen Satz
Der langsam in die Tiefe schwebt
Um Teil des Grunds zu werden
Doch gibt’s – noch anderes
Wer häts geglaubt
Das unser Spiel durchdringt
Verwandt mit beiden
Qual und Lust
Beschleicht, durch einen Spalt
Sehnsucht
Unser Herz
Keines der Worte ist mehr da
Keines der Worte ist mehr da
verschwunden
es waren Kathedralen, Monumente
ich wanderte sah die Farben, spürte die Form und war sicher
niemals würde vergehen
uns zu sehen
im zurück gibt es nichts
kein Wort
im gehen nach vorne
verschwunden
Was als kostbar bewahrt
geraubt
Gesicht und Körper als einzig erkannt
geglaubt
wende mich ab
beraubt
von einem Teil von mir
Wie tragisch
Wie tragisch
Dieser Unfall
waren uns
Doch so gewogen
Verzerrt
Fast unansehnlich
Ihr Gesicht
Betrübt
Gar traurig
Dieser Anblick
Der Schmerz
Sitzt tief
Umsäumt
Von ihren Augen
Mein Finger
Auf Metal
Ein kurzes Spiel
Mit großer Wirkung
Die Kugel
Bahnt sich
Ihren Weg
Geradewohl
Und ohne Krümmung
Noch glaub ich
Diesen Hall
Zu hören
Der letzte Schlag
In dem Finale
burning rose
Betagt
Betagt
Noch nicht erfroren
Schlummert er
Der Zweifel folgt
Verzagte Flucht
Unbekannte Sehnsucht
Füttert diesen Wunsch
Hielt ich Dich in meinem Arm
Könnte ich verweilen
Du stehst im Wort
Du stehst im Wort
Vereinsamt
Vergessen
Glaubst Du
Frei zu sein
Doch trügt Dich
Dieser Schein
Umgrenzt nur
Kann das nichts
Befreit
Unendlichkeit
Erschaffen
Verweht
Der Tritt
Den Du verlassen
Nur vager Dunst
Das Ziel
umschreibt
Jungle line
Es ist so ruhig
Es ist so ruhig
Um uns
Gewichen alle Kraft
Verstummt der Schrei
Der aufbegehrt
Eng umschlungen
Möchte ich halten
Was jede Angst
Zersprengt
Die Trauer
Deiner Augen
So ohne Hoffnung
Liebe ist
Bewahre dich
Für jede Zeit
Vertrautheit
Gütig uns vereint
Iris
Sie liebte es in der Sonne zu sitzen, ein letzter Schluck Weißwein in dem Glas mit langem Stil vor ihr. Zuviel für den Nachmittag, das wusste sie. Denn es öffnete sich wieder das Messer zwischen den wohlgeformten Bögen ihres Brustkorbes und schnitt sanft in den Tränenkanal, um das überschüssige Sekret zu befreien. Sie liebte es, den schon sehr kleinen Eiswürfel im letzten Schluck Wein zu beobachten, wie er sich mehr und mehr auflöste.
Seid sie das Rauchen aufgegben hatte, waren ihre Hände noch suchender geworden.
Kleine Tierchen, die ohne Ziel ihre Umgebung betasteten.
Noch war sein Geruch zu erahnen. –
Fast ziellos griff sie nach dem dicken Telefonbuch. Mit ihm wollte sie auch ihre Gewohnheiten ändern. Fast hat sie schon seinen Namen vergessen.
Als gäbe es geheime Zeichen, die nur mit den Fingerkuppen zu dekodieren wären, nahm sie
jede dünne Seite, die sie umblätterte, zwischen Zeigefinger und Daumen.
Außer dem Stuhl, den er vor einem Jahr in Italien vom Sperrmüll gerettet und für dessen
Sitzfläche er keine Mühen gescheut hatte, um sie zu heilen, hatte er nichts mitgenommen.
„Ja – Gerber“
Wie jedes Mal brauchte sie einen kleinen Moment ihre Stimme zu finden.
„Herr Gerber? Entschuldigen sie die Störung haben sie einen Moment?“
„ Um was geht es?“
„ Also – ich wollte ihnen ein paar Fragen stellen“
„Madam fassen sie sich kurz ich bin gerade auf dem Sprung“
„Genau darum geht es – wohin reist man in dieser Jahreszeit?“
„Keine Ahnung – ich fahre jedenfalls nach Lodz – aber bestimmt nicht freiwillig.“
„Nicht freiwillig – das ist gut. Ich danke ihnen.“
Es gab also noch jemanden da draußen, jemand der nach Lodz reiste – unfreiwillig.
Sie war damals fast etwas eifersüchtig gewesen, auf den Stuhl der mit soviel Fürsorge und Aufmerksamkeit von ihm bedacht wurde. – Jetzt waren beide weg.
Wie gut, dass es Telefonbücher gab, so wählte sie sich mit einer fremden Stimme den Weg für das Kommende.
Der Gedanke, allein auf der Welt zu sein, überkam sie meist unerwartet, die Starre löste sich erst, wenn sie die Stimme am anderen Ende hörte.
Jedes mal brauchte sie einen Moment, ihre Stimme zu finden. – Jedes mal war sie erleichtert, dass es am anderen Ende eine Stimme gab. Jedes mal überkam sie der Gedanke, alleine auf der Welt zu sein, unerwartet.
Der Herr hatte nicht viel Interesse, sich in ein Gespräch mit ihr verwickeln zu lassen.
Dennoch konnte sie ihm entlocken, dass er auf dem Sprung war.
Er hatte eine Reise vor sich. – Eine unfreiwillige Reise nach Lodz.
Sie war damals fast eifersüchtig gewesen, auf den Stuhl der mit soviel Fürsorge und Aufmerksamkeit von ihm bedacht wurde. – Jetzt waren beide weg.
Es gab also jemanden da draußen, jemand der nach Lodz reiste – unfreiwillig.
Das letzte Stück Eis hatte sich ergeben. Sie stand am Fenster und schaute in die Sonne.
Just in time I
1. Kennenlernen
Jacob und Soulis lernen sich auf einem Bauernhof kennen. Jacob wartet draußen auf dem Hof auf den Bauern. In einem Gatter sind die schnatternden Gänse. Soulis tritt zu ihm.
Soulis: Schon eine auserwählt?
Jacob etwas aus den Gedanken gerissen: Ich nehme, wies kommt.
Soulis: Ich möchte mein Opfer schon selbst aussuchen. – Die z.B. gefällt mir ganz gut.
Sie sollten das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Solange man wählen, kann ist noch nichts entschieden.
Jacob: Ich will einfach nur eine Gans.
Soulis: Und was passiert dann mit dem guten Stück?
Jacob: Ich habe mich noch nicht entschieden. Es ist für mich das erste mal, dass ich das selbst tun muss. Vorher wurde ich beglückt.
Ich bin neu hier. – Jacob.
Soulis: Jacob – Na dann lass uns das gemeinsam probieren. Unsere beiden Gänse kennen sich ja schon.
Umschnitt:
Soulis Atelierwohnung mit offener Küche. 2 Gänse sind im Ofen. Ein langer gedeckter Tisch steht im Raum.
Soulis: Wichtig ist zu wissen, was passiert wenn das Opfer merkt, dass es keine Chance mehr hat. Genau diesen Moment sollte man zumindest einmal mitempfunden haben. Erst dann weiß man, ob man zum Täter wirklich taugt. Sich der Tat und seiner Macht bewusst sein, gibt einem die Möglichkeit, seinen wahren Charakter und das eigene Limit zu entdecken. (Heute lässt man töten und sieht den eingeschweißten Kadaver im Kühlregal. Wenn es zu jedem Stück Fleisch das passende Video gäbe, in dem dieser Zeitpunkt dokumentiert wäre –) Vielleicht käme so mancher zu dem Entschluss, kein Täter zu sein. Denn genau dieser Moment, in dem das Opfer seiner Niederlage ins Auge sieht, ist auch der Moment, in dem der Täter entscheiden muss, ob er mit dieser Schuld und dieser Konsequenz leben kann.
Zünde schon mal die Kerzen an.
Soulis übergießt die Gänse abermals mit Flüssigkeit.
Soulis: Zumindest haben wir schon mal zwei gemeinsame Leichen im Keller.
2. Begegnung
Soulis steht in der Küche und schnippelt in großem Tempo. Man sieht im Raum eine aufgehängte Hängematte, die hin und her schaukelt. Die Person darin ist nicht zu sehen.
Soulis: Am Beginn einer Verhandlung – egal welcher – hat jeder die gleichen Chancen.
Wenn der eine glaubt er wäre im Vorteil, kann diese Überschätzung schon der Gewinn des anderen sein. Es ist also die absolute Leere, die uns weiterbringt. – Dann kommt es darauf an, wer von beiden schneller das Spiel spielt. – Dabei ist es wichtig, frühst möglich die Limits heraus zu finden. – Die eigenen und die des Mitspielers. Was nützt es, wenn der Gewinn meine eigenen Möglichkeiten übersteigt – ich also nach dem Gewinn kapitulieren muss. Andererseits schätze ich das Limit meines Mitspielers permanent zu hoch ein, werde ich nie gewinnen. Du musst also deinen Arsch gut pflegen, um ihn dir nicht zu verbrennen.
Hörst du mir überhaupt zu?
Jacob: Arsch pflegen.
3. Begegnung
Soulis schneidet Orangen auseinander.
Er hat einen abgeschrappten Bademantel an. Musik läuft – „Sag mir quando, sag mir wann“
Soulis quetscht sich eine halbe Orange in den Mund, wobei einiges daneben geht. Er tanzt durchs Atelier. Jacob räumt seine Sachen zusammen und zieht sich an.
Jacob: Ich muss jetzt los.
Soulis tanzt zu ihm hin. Plötzlich packt er ihn vorne am Hemd und drückt ihn gegen die Wand. Er steht dicht vor ihm.
Soulis: Wann?
Jacob: Dienstag?
Soulis lässt ihn los. Jacob schaut auf sein Hemd das jetzt voller Orangenflecken ist.
Jacob: Scheiß
Jacob geht in Richtung Tür.
Soulis aus dem Hintergrund: Deine Schuhe stehen übrigens auf dem Balkon.
Jacob geht auf den Balkon und greift fluchend seine vom Regen völlig durchnässten Schuhe.
Lieder …
Keine Träne
suche Dich
– unsterblich –
weites Land , die Berge ohne Schnee
Tunnel Licht
Tunnel Licht
vergeblich
der Mond – er bleibt
wenn wir schon längst gegangen
es rinnt – unhaltbar
befeuchtet meine Lippen
bitter
Kuss
Sprache ein Land indem ein jeder einsam ist
Sprache ein Land indem ein jeder einsam ist
Zu viele Zeichen sind Pfeile ohne Ziel
Sie treffen dennoch
Man forscht man glaubt verstand versagt
Lange brauchts vom Mund zum Ohr
Ins Herz
Schweigen ungesprochne Gesten
Wie schön dein Blick – soviel
genügt