In der Nacht wird der Mund trocken

In der Nacht wird der Mund trocken. Ich liege wach und überlege ob ich trinken soll.
Dein Atem ist flach. Immer wieder überfällt mich die Angst du könntest aufhören, dich davonstehlen. Wie ein Dieb der glaubt genug erbeutet zu haben.
Die nächtliche Einsamkeit ist eine andere als die am Tage. Bedrohlicher, entgültiger.
Es ist absurd, den ganzen Tag ersehne ich den Abend. Ist er da so möchte ich mich betäuben, um die kommende Nacht zu überleben. Wie zwei Selbstmörder wollen wir die Schuld unseres Leids dem anderen abtrotzen. Der Wein seziert sarkastisch unser Hirn und wir rasen ungebremst in ungewollte Feindschaft.
Eine zwei Liter Flasche Wasser steht neben meinem Bett und ich bin unfähig sie zu greifen.
Als wäre ich so geschwächt, dass der Körper seinen Willen verloren hat.
Ich weiß wie sehr ich dich mal für mal verletze. Spüre deine Verzweiflung wenn ich dir keine Chance belasse zu mir zu dringen. Du möchtest mich schütteln mir wehtun um wenigstens meine Hülle zu erreichen. Stumm schreie ich dir zu – gib auf. – Doch nur du weißt ich lüge.

Du stehst im Wort

Du stehst im Wort
Vereinsamt
Vergessen
Glaubst Du
Frei zu sein
Doch trügt Dich
Dieser Schein
Umgrenzt nur
Kann das nichts
Befreit
Unendlichkeit
Erschaffen
Verweht
Der Tritt
Den Du verlassen
Nur vager Dunst
Das Ziel
umschreibt

Galerie

Carmen

von Georges Bizet

Musikalische Leitung: Elias Grandy
Regie: Björn Reinke
Co-Regie und Choreographie: Monica Burger
Bundesjugendorchester
Jeunesses Musicales – Junge Oper Weikersheim, 2021


Partien/Solisten*innen

Carmen: Fiorella Hincapié (CO), Gabriela Gómez (CL), Julia Werner (DE)
Micaela: Sonja Isabel Reuter (DE), Ipeleng Kgatle (ZA), Silvia Sequira (PT)
Frasquita: Lisa Gaiselmann (DE), Bogna Bernagiewiecz (POL), Margareta Köllner (DE), Florence Kei Kuan Chong (MY)
Mercédés: Magdalena Hinz (DE), Julie Nemer (FR)
Don José: Jaesung Kim (KOR), Leo Jaewon Jung (KOR)
Escamillo: Hao Wen (CN), Kohoon Han (KOR)
Remendado: Kyoungloul Kim (KOR), Marcelo Alxandre (PT)
Dancairo: Gideon Henska (DE), Galen Dole (USA)
Zuniga: Christoph Schweizer (DE), Marko Erzar (SI)
Morales: Johannes Worms (DE)


Fotos © Holger Kral, Berlin – kral-photography.com

Noch nicht bereit

Noch nicht bereit
Euch beide zu vereinen
Betrachte ich
Der Zukunfts Zeichen
Im Schutz
Des ungeliebten Bruders
Vermag ich
Dein Gesicht zu sehen
Du kamst im Traum
Und bliebst
Zum einen
Deines Bruders Kraft
Zum andren
Welker Schein
Noch seh ich euch
Und ihr nicht mich
Betrachte meine Ahnung

Heute mal nicht

Treffender hätte es – wahrscheinlich – nicht sein können. –
Vor allem in dieser Häufigkeit und dieser Reihenfolge. –
Alles so wie es das Unterbewusstsein schon vor langer Zeit vorgeahnt hat. –
Es ist faszinierend. – Zumindest endgültig, es ist endgültig. –
Was heisst – am Ende gilt es – hat am Ende Gültigkeit – ohne wenn und aber. – Oder?
Schon wieder gepatzt! Andere bekommen es doch auch hin und sehen immer perfekt aus. –
Und dabei ist es noch die gute Seite. – Also mit der Rechten die Linke. –
Die Farbe sah in dem Fläschchen so fröhlich aus und jetzt wirkt alles reichlich billig. –
Wie ist es möglich Hände ohne Muster zu haben, hell, freundlich, unschuldig, zart und doch bestimmt. – Den Fingerkuppen zulaufend, schmal, die man küssen möchte, streicheln, halten. –
Nein dieser Ton steht mir nicht!
Sie hatte gesagt ich soll mich auf die Hinterbeine stellen und mich wehren. –
Schon bei dem Wort Hinterbeine stutzte ich – sah sie mich auf allen Vieren. –
Dann ist ja alles klar!
Nagellackentferner – wie stark muss diese Farbe sein, dass sie nur mit diesem Geruch verschwindet.
Mir hat einmal jemand erzählt, dass eine Bekannte von ihm aus Versehen Nagellackentferner getrunken hat – oder war es Parfum? –
Innerlich entfernt. – Sich. – Er wusste nicht was aus ihr geworden ist. –
Sie hatte gesagt – das läuft schon – wirst sehen. –
Es ist gelaufen. –
Das hört sich ja viel versprechend an!
Genau! Genau, genau, genau! – Das ist es!
Ich lasse es machen – bei dieser kleinen Asiatin, mit den kleinen Händen und dem toten Blick. –
So flink und geschickt,als wäre es mühelos. –
Heute leiste ich mir das. –
Ein starkes Stück! –
Sie weiss bestimmt was zu mir passt – sie hat einen Blick dafür. –
Sprechen, gesprochen, versprochen
Versprochen – Versprecher!
Aber vorher muss der Geruch verflogen sein. – Was soll sie sonst denken? –
Die schafft das nicht selbst – nicht mal mit der Rechten. –
In den Ritzen ist immer noch was zu sehen, Reste, Spuren, Ungeliebtes. –

Halte mich

Halte mich
Der Traum zerplatzt
Kein Schwur lässt Triebe sprießen
Bedacht von Dir mag Leben kostbar sein
Doch ohne mich
Bleibt wenigstens die Sehnsucht

Es ist so ruhig

Es ist so ruhig
Um uns
Gewichen alle Kraft
Verstummt der Schrei
Der aufbegehrt
Eng umschlungen
Möchte ich halten
Was jede Angst
Zersprengt
Die Trauer
Deiner Augen
So ohne Hoffnung
Liebe ist
Bewahre dich
Für jede Zeit
Vertrautheit
Gütig uns vereint

Keines der Worte ist mehr da

Keines der Worte ist mehr da
verschwunden
es waren Kathedralen, Monumente
ich wanderte sah die Farben, spürte die Form und war sicher
niemals würde vergehen
uns zu sehen
im zurück gibt es nichts
kein Wort
im gehen nach vorne
verschwunden

Was als kostbar bewahrt
geraubt
Gesicht und Körper als einzig erkannt
geglaubt
wende mich ab
beraubt
von einem Teil von mir

Iris

Sie liebte es in der Sonne zu sitzen, ein letzter Schluck Weißwein in dem Glas mit langem Stil vor ihr. Zuviel für den Nachmittag, das wusste sie. Denn es öffnete sich wieder das Messer zwischen den wohlgeformten Bögen ihres Brustkorbes und schnitt sanft in den Tränenkanal, um das überschüssige Sekret zu befreien. Sie liebte es, den schon sehr kleinen Eiswürfel im letzten Schluck Wein zu beobachten, wie er sich mehr und mehr auflöste.
Seid sie das Rauchen aufgegben hatte, waren ihre Hände noch suchender geworden.
Kleine Tierchen, die ohne Ziel ihre Umgebung betasteten.
Noch war sein Geruch zu erahnen. –
Fast ziellos griff sie nach dem dicken Telefonbuch. Mit ihm wollte sie auch ihre Gewohnheiten ändern. Fast hat sie schon seinen Namen vergessen.
Als gäbe es geheime Zeichen, die nur mit den Fingerkuppen zu dekodieren wären, nahm sie
jede dünne Seite, die sie umblätterte, zwischen Zeigefinger und Daumen.
Außer dem Stuhl, den er vor einem Jahr in Italien vom Sperrmüll gerettet und für dessen
Sitzfläche er keine Mühen gescheut hatte, um sie zu heilen, hatte er nichts mitgenommen.
„Ja – Gerber“
Wie jedes Mal brauchte sie einen kleinen Moment ihre Stimme zu finden.
„Herr Gerber? Entschuldigen sie die Störung haben sie einen Moment?“
„ Um was geht es?“
„ Also – ich wollte ihnen ein paar Fragen stellen“
„Madam fassen sie sich kurz ich bin gerade auf dem Sprung“
„Genau darum geht es – wohin reist man in dieser Jahreszeit?“
„Keine Ahnung – ich fahre jedenfalls nach Lodz – aber bestimmt nicht freiwillig.“
„Nicht freiwillig – das ist gut. Ich danke ihnen.“
Es gab also noch jemanden da draußen, jemand der nach Lodz reiste – unfreiwillig.
Sie war damals fast etwas eifersüchtig gewesen, auf den Stuhl der mit soviel Fürsorge und Aufmerksamkeit von ihm bedacht wurde. – Jetzt waren beide weg.
Wie gut, dass es Telefonbücher gab, so wählte sie sich mit einer fremden Stimme den Weg für das Kommende.
Der Gedanke, allein auf der Welt zu sein, überkam sie meist unerwartet, die Starre löste sich erst, wenn sie die Stimme am anderen Ende hörte.

Jedes mal brauchte sie einen Moment, ihre Stimme zu finden. – Jedes mal war sie erleichtert, dass es am anderen Ende eine Stimme gab. Jedes mal überkam sie der Gedanke, alleine auf der Welt zu sein, unerwartet.
Der Herr hatte nicht viel Interesse, sich in ein Gespräch mit ihr verwickeln zu lassen.
Dennoch konnte sie ihm entlocken, dass er auf dem Sprung war.
Er hatte eine Reise vor sich. – Eine unfreiwillige Reise nach Lodz.
Sie war damals fast eifersüchtig gewesen, auf den Stuhl der mit soviel Fürsorge und Aufmerksamkeit von ihm bedacht wurde. – Jetzt waren beide weg.
Es gab also jemanden da draußen, jemand der nach Lodz reiste – unfreiwillig.
Das letzte Stück Eis hatte sich ergeben. Sie stand am Fenster und schaute in die Sonne.

Just in time II

Jacob wie jeden Tag.
Sitzt in seinem BMW – scheucht die anderen Autos vor sich durch die befahrenen Straßen der Großstadt.
Der unvermeidliche Knopf im Ohr überträgt ohne Unterlass Informationen in sein Hirn, die ihn bisweilen zu unkontrollierten Ausbrüchen hinreißen.
Wie immer zu spät…
Sein Termin muss noch warten – Parkplatz – Engpass.
Was soll´s – Jacob überlässt seinen Wagen dem Schicksal: Halteverbot.
Jacob verschwindet in einem der überdimensionalen Glashäuser.
Durch die ab und zu geöffnete Tür des Büros dringen Wortfetzen einer geschäftlichen Debatte – Termingeschäfte…

Jacob stürzt aus dem Büro, überrennt beinahe seine Sekretärin mit dem frisch gebrühten Kaffee.
Er nimmt den Aufzug – schaltet sofort wieder sein Handy ein: Mailbox / wichtige und dringende Nachrichten und:
„Wir haben nicht mehr viel Zeit, uns zu sehen.“

Jacob auf der Straße…
Sieht noch in der Autoschlange seinen BMW am Abschlepphaken.
Wie besessen reißt er den Knopf aus dem Ohr und läuft zum nächsten Taxi – Flughafen…
In aller Ruhe verstaut Jacob sein Handy in der Tasche des Vordersitzes im Taxi.
Alles wird von nun an anders sein…
Jacob geht zum Schalter: „Wann geht der nächst Flug nach Thessaloniki?“
„Morgen um 10.30 Uhr!“
„Das ist zu spät! – Was fliegt jetzt?“
„In einer halben Stunde wäre ein Flug nach Scharm-el-Scheich möglich!“
„Gut!“

Die Formalitäten werden erledigt. Kurz entschlossen kauft Jacob eine etwas zu große Leinenhose und ein T-Shirt und packt seine anderen, edlen Habseligkeiten in die neu erworbene Plastiktasche – sein Gepäck.

Das Flugzeug landet.
Jacob mietet einen Taxi-Fahrer. Es ist heiß. Das Ziel: die offene Wüste – weit und scheinbar unendlich.
Ein kurzer Tankstop und eine gute Möglichkeit, an der Tankstelle noch einen Kaffee zu sich zu nehmen.
Er trifft auf eine junge Dame, eine Österreicherin, die gleichsam sich auf Reisen befindet und ihren Wagen betanken lassen möchte.
Sie sind froh, sich die Zeit zu vertreiben, da weit und breit kein Tankwart zu sehen ist, der sie bedienen könnte. Auch mit dem Kaffee wird es somit nichts…

Ein Beduine zieht Jacob beiseite. Jacob hatte ihn zuvor nicht bemerkt. In fast unverständlichem Englisch macht er deutlich, dass er ihm den besten Kaffee bereiten könnte.

Jacob zahlt den Taxi-Fahrer.

Die Österreicherin wartet weiterhin geduldig auf einen Tankwart und auf einen Kaffee, während Jacob mit dem Beduinen in einem alten Wagen davon fährt, der bei jedem Schlagloch zusammen zu brechen droht.
Jacob denkt sich zunächst, der Beduine führe nur eine kurze Strecke.
Doch dauert die Reise exakt 2 ½ Stunden, eine Reise mitten durch die Wüste.
Auch sind die Wege extrem und anstrengend. Der Motorlärm des alten Wagens macht eine Unterhaltung beschwerlich bis unmöglich.

Dauerhaft läuft eine Kassette mit starken Rhythmen, die jedoch nur einseitig abspielbar ist.
So hören beide entweder Musik oder das Spulen des schon sehr in Mitleidenschaft gezogenen Bandes.

Weit und breit ist niemand zu sehen. Jacob schaut in die Landschaft und in sich selbst –
(Flashback – Begegnungen mit Soulis – Erinnerungen und Fahrt wechseln sich ab)

Nach 2 ½ Stunden.
In der Ferne sieht Jacob ein einsames, schwarzes Beduinen-Zelt.
Der Beduine zeigt Jacob an, dass sie bald ihr Ziel erreicht haben – sein Zelt, bestehend aus zwei Kammern : eine für Gäste, die zweite für seine Familie.

Nach der Ankunft bittet der Beduine Jacob, herumliegendes Holz aufzusammeln, damit er Feuer machen könne.

Mit viel Zeit und Ausdauer entfacht der Beduine ein Feuer, greift dann in einen Leinensack und holt grünen, ungerösteten Kaffee hervor, den er in einem eigenen Rhythmus in einer Pfanne röstet. Das regelmäßige Kreisen der Bohnen ergibt eine eigene Stimmung und Musik.

Der Beduine beendet den Röstvorgang und zerstampft die Bohnen in einem Mörser. Auch hier ergibt sich eine rhythmische Musik: 2x Stampfen 1x Schlagen – an den Rand des Mörsers.
Der Kaffee wird gekocht und auf zwei kleine Tassen verteilt.

Jeder Schluck eine Besonderheit.
Die Unterhaltung wird in einer eigenwilligen englischen Sprache geführt, die häufig in sich versiegt.

Der Beduine lädt zur Rückreise ein – eine Rückreise von weiteren 2 ½ Stunden.
Er räumt sein Zelt auf, säubert die Gegenstände, die Tassen und lächelt…

Auf der Fahrt träumt Jacob von der 3. Begegnung mit Soulis.

Sie fahren zurück zur Tankstelle – keine Österreicherin, kein Tankwart, niemand.
Jacob steigt aus und schaut in die Ferne. Dann blickt er auf den Beduinen, verneigt sich leicht, um nicht die falschen Worte zu wählen.

Der Beduine fährt davon, mit röhrendem Motor, gegen den Wind. Jacob hört ihn noch lange.
Der Fahrer eines Kleintransporters erbarmt sich seiner und nimmt Jacob mit zum Flughafen.

Er ist nun bereit – und fliegt nach Thessaloniki.

Landung / Taxifahrt – es ist schon Nacht und die Stadt lebt, erleuchtete Straßen, schöne, junge Menschen, laute Musik überall.

Jacob geht die letzten Meter zu Fuß. Er steht in der Häusergalerie und schaut in die Höhe – 2. Stock. Er klopft.

Soulis öffnet. „Du bist rechtzeitig mein Freund.“
Sein Wohnatelier mit den alten Mosaikböden oberhalb des lautstarken Stadtlebens – die antike Puppenstube riecht nach Abschied.
Jacob hilft Soulis die schmalen Stiegen hinauf auf die Dachterrasse – bewohnt von Tauben mit Blick auf die Unverblümtheit der Stadt.

Soulis Bett steht auf der Terrasse.
„Ich dachte, dann sehen mich die da oben schneller, als die da unten.“

Jacob setzt sich in einen alten Liegestuhl, Soulis auf sein Bett – beide sitzen und schweigen.
Jacob trinkt – Soulis versucht es ab und zu…
Soulis beginnt zu singen (oder mehr: flüsternd zu krächzen) – Jacob fällt mit ein. Beide lachen.
„Du hast schon immer falsch gesungen, Jacob!“
Jacob schaut auf die Straße herunter und weint…
„Mein Freund lass uns beide nach oben schauen!“

Jacob und Soulis liegen beide auf dem etwas zu schmalen Bett und schauen in den Himmel.
„Hol uns eine Decke.“
Jacob geht hinunter.

Soulis stirbt.

Jacob deckt ihn zu, setzt sich in den Liegestuhl und bewacht seinen Freund. Der Tag bricht an. Es wird nichts mehr so sein wie es war.
Jacob telefoniert: „Nun – ich kann nicht bleiben – ich ziehe einfach die Türe zu – ich werde heute zurückfliegen – bis bald!“

Jacob holt aus seiner Plastiktasche den zerknüllten Anzug, wechselt seine Kleider und verlässt die Wohnung.

Er läuft quer durch die Stadt und nimmt Abschied. Jacob schaut auf die Uhr –
Wenn er den nächsten Flug bekommen möchte, ist es Zeit…
Mit dem Taxi fährt er zum Flughafen checkt ein und sitzt – für ihn sehr plötzlich – im Flugzeug.

Nichts mehr wird sein, wie es war.

Die Stewardess: „Kaffee?“

Jacob blickt auf, schüttelt den Kopf und spürt den unwiederbringlich-bitteren Geschmack eines unwiederbringlichen Moments auf der Zunge…

Dein Herz

Dein Herz
So schwer
Begräbt
Was leicht noch
Gestern
Heimat fand
Ich sehe
Ohne Furcht
Doch hartes Wort
Liegt auf den Lippen
Beschleunigung
Und Abgesang
Drum hebe an
Die Hoffnung
Wagt
Verborgne Kraft

Betrogen

Betrogen
Nicht ich spannte den Pfeil
Du bist betroffen
Nicht doch
Ohne Schuld
Deine schönen Auge spiegeln mein Gesicht
Deine Gesten schlagen sanft mein Herz
Du glaubst das Ziel betraf nur deine Seele
Weit gefehlt
Der Raum erfüllt von dir
Benebelt meine Sinne
Süß und klebrig
Wehmuts Last
Noch weißt du nicht
Dein Los viel leichter
Du Schöne
Zeit vergeht

Fall – Beispiel

Enno sitzt vor seinem Leberwurstbrot und dem lauwarmen Kakao auf dem sich eine Haut gebildet hat.
Fast unbewusst greift sich Enno zwischen die Beine, wenn er die zusammengezogene Milch mit einem kleinen Löffel von der Flüssigkeit trennt.
Sie hatte nicht mitbekommen, dass er bereits 13 war, seine Vorlieben und sein Körper sich verändert haben. Für sie wird er wohl noch immer der Junge sein, der, wenn er schlecht geträumt hat, ins Bett gemacht hat und sich damit rausredet, er hätte diese Nacht so sehr geschwitzt. Sie wusste nicht, dass er an manchen Tagen keine Farben sehen konnte und der einzige Freund nachts, sein noch lebender Teil zwischen den Beinen war.
Er wusste, auch sie war einsam und daher wollte er sie nicht auch noch enttäuschen.
Mit geschlossenen Augen biss er in das Brot, über dessen Rand niemals Wurst ragte und schluckte das Stück ohne zu kauen mit einem großen Schluck Kakao hinunter.

Auf dem Jungsklo
Reno: Wollen wir Unterhosen tauschen? – Hätte gerne den Geruch von deinem an meinem.
Enno: Ich bin nicht schwul.
Reno: Woher willst du das denn wissen, außer dir selbst hats ja wohl noch keiner mit dir getrieben.
Enno: Warum fragst du mich? – Piet hat bestimmt ne Hose von Boss und lässt auch noch ein bisschen was zum lecken drin.
Reno: Deiner gefällt mir besser. – Laß mich mal riechen, ich bin Experte.
Enno: Fass mich bloß nicht an, sonst hau ich Dir eins in die Eier, dann kannst du die Zelte deiner Oma nehmen.
Reno: Bleib geschmeidig Kleiner. – Ich bin auch nicht schwul, aber zum spielen hätt ich trotzdem Lust. – Ruf mich an.

Enno hatte gehofft, sie würde sich ändern. – Jetzt waren sie schon mehr als ein Jahr von ihm weg und sie saß immer noch bis morgens um drei vor dem Fernseher, in ihre Polardecke gehüllt und schlief. Dabei sah ihr Körper fast aus, als hätte sie Magenschmerzen.
Wenn er unerwartet nach Hause kam, stand sie vor dem Fenster und sah nach draußen.
Am liebsten hätte er für sie geschrien, stattdessen machte er nur den Kühlschrank auf, nahm sich eine Cola und ging, Langeweile demonstrierend, auf sein Zimmer.
In diesen Momenten hasste er sie für ihre Schwäche. – Warum nahm sie ihn nicht wahr, er würde alles tun, nur um einmal von ihr gesehen zu werden.
Das Gespräch mit Reno hatte ihn vollends aus der Bahn geworfen. – Wenn er jetzt auch noch schwul wäre. Zusammengekrümmt lag er auf seinem Bett und versuchte dem Drang zu wiederstehen, wenn er jetzt stark sein kann dann würde alles gut werden, er durfte nur nicht schwach werden. Sie brauchte ihn, ob er wollte oder nicht.

Pia

Warum ging dieses Stäbchen immer so schwer in die vorgestanzten Löcher.
Mit der einen Hand hielt sie das zarte Riemchen, mit der anderen versuchte sie, das Stäbchen mit Treffsicherheit an seinen Bestimmungsort zu bringen.
Mit einem flüchtigen Blick nahm sie wahr, dass die Sonne schien. – Also höchste Zeit, nach draußen zu gehen. – Mit großem Schwung fand sie ihren Stand auf den nun angeschnallten, gigantisch hohen Pumps.
Jetzt musste nur noch durchdacht sein, welcher Mantel an einem solchen Tag passend war.
Nichts durfte heute, gestern, morgen, zufällig oder gar beliebig sein.
Sie war bereit. Ein kurzer intensiver Blick in das reflektierende Gegenüber und die Tür wurde geschlossen.
Egal wo sie auch hinging, war ihr Schritt immer zielstrebig und durchdringend. Ihre Augen sezierten ihr Feld und gaben die gewonnen Informationen an die Geschichtenmaschine weiter.
Am liebsten trug sie Sonnenbrille, um die Richtung und den Ausdruck ihrer Augen verborgen zu halten. Je mehr sie Äußeres wahrnahm je mehr konnte sie sich von ihren Gefühlen schützen.
Es war von Mal zu Mal das Gleiche – sie verliebte sich. – Nur kurz. – Dann war er einer der Seiten, die mit Nagellack zusammengehalten werden und nur mit Zerstörung wieder voneinander getrennt werden konnten.
Mit dem trocknen des Nagellacks, an den Seiten ihres Tagebuchs, glaubte sie auch jedes Mal, diesen fatal chemischen Geruch des Lacks auf der Zunge zu schmecken.
Keine der Seiten hatten eine Bedeutung, so wollte sie es wissen, und doch etwas blieb.
Warum wollte jeder mehr erfahren, als das was offensichtlich war. – Sie war doch nicht mal selbst bereit. – Wozu ? – Solche unvermeidlichen Diskussionen blähten ihren Kopf und trieben ihn wie eine Leiche ans Ufer.

Hätte ich mich meiner Hand befreit

Hätte ich mich meiner Hand befreit, müsste ich nicht deine Füßchen wärmen. Ein Schein zersetzt mein Herz, dein Schein ermüdet meine Seele. Nie warst du ein Teil von mir, du warst ein Teil in mir. Ein Lied schwimmt durch meine Adern, dein Gesang vergiftet mein Rot. Ohne Hoffnung bitte ich um Vergebung um meine eigene Gnade.

Lied:

Wärst du ein Teil von mir
Wärst mein Gesang
Trög meine Seel dich fort
Wärst niemals bang
Und nur ein Stückchen Trost
Gäb mein Herz ganz

Mon cœur

Welch kühnes Treiben
Hat uns
In tiefes Meer gestürzt
Beäuge bunte Fische
Die kleine Fetzen
Meiner Haut verschlingen
Nur rohes Fleisch
Noch bleibt
Mit weichen Wellen
Wird nun unser Leib
Umspült
Es ist so tief
Bei Dir
Das weder
Tag noch Nacht vergeht
Versunknes Schiff
Getier
Durch meine Reste schwimmt
Und jede Öffnung
Eintritt gibt

Sprache ein Land indem ein jeder einsam ist

Sprache ein Land indem ein jeder einsam ist
Zu viele Zeichen sind Pfeile ohne Ziel
Sie treffen dennoch
Man forscht man glaubt verstand versagt
Lange brauchts vom Mund zum Ohr
Ins Herz
Schweigen ungesprochne Gesten
Wie schön dein Blick – soviel
genügt

Traum Bambis Schwestern

Julie und Mimmi sind vor der Kapelle, an den Gebetsbänken.
Julie hat den Kopf tief nach vorne gebeugt.
Beide haben ein Kommunionkleid an und zwei Schleier liegen auf den Bänken.
Mimmi steht neben Julie und gießt vorsichtig Wasser aus einer Kanne über Julies Kopf.
Julie richtet sich auf und ihr geschorene Kopf wird sichtbar.
Mimmi küsst Julie auf die Stirn und setzt ihr den Schleier auf den Kopf.

Peter steht im Pfarrerordinat in der Kapelle und entzündet eine Kommunionskerze.
Er blickt nach draußen und sieht Julie und Mimmi in den Wald laufen.
Mimmi verliert dabei ihren Schleier.
Peter geht zurück in die Kapelle und löscht die Kerze.

Im Off
Peters Stimme – Gesang

Bereut
Geglückt ist der Verstand
Folge euch wo ihr auch seid
Doch treffe nicht das Herz
Nicht böse auch nicht rein
Magie und Sehnsucht
Zweifel
Das Schicksal strömt durch meine Lippen
Ein Licht in meinem Herz
Erlischt
Im Dunklen such ich meinen Weg

– 18 –