Vergilbt

Vergilbt
Und ohne Glanz
Tritt ab
Was kaum
Des Sehnens wert
Zurück bleibt
Schal
Geschmack
Getrübter Hoffnung
Kein Weg
Zu Dir
Kein Weg
Zu uns
Vergnüglich
War der Anfang
Doch wächst
Kein Gras
Auf kargem Stein

Fall – Beispiel

Enno sitzt vor seinem Leberwurstbrot und dem lauwarmen Kakao auf dem sich eine Haut gebildet hat.
Fast unbewusst greift sich Enno zwischen die Beine, wenn er die zusammengezogene Milch mit einem kleinen Löffel von der Flüssigkeit trennt.
Sie hatte nicht mitbekommen, dass er bereits 13 war, seine Vorlieben und sein Körper sich verändert haben. Für sie wird er wohl noch immer der Junge sein, der, wenn er schlecht geträumt hat, ins Bett gemacht hat und sich damit rausredet, er hätte diese Nacht so sehr geschwitzt. Sie wusste nicht, dass er an manchen Tagen keine Farben sehen konnte und der einzige Freund nachts, sein noch lebender Teil zwischen den Beinen war.
Er wusste, auch sie war einsam und daher wollte er sie nicht auch noch enttäuschen.
Mit geschlossenen Augen biss er in das Brot, über dessen Rand niemals Wurst ragte und schluckte das Stück ohne zu kauen mit einem großen Schluck Kakao hinunter.

Auf dem Jungsklo
Reno: Wollen wir Unterhosen tauschen? – Hätte gerne den Geruch von deinem an meinem.
Enno: Ich bin nicht schwul.
Reno: Woher willst du das denn wissen, außer dir selbst hats ja wohl noch keiner mit dir getrieben.
Enno: Warum fragst du mich? – Piet hat bestimmt ne Hose von Boss und lässt auch noch ein bisschen was zum lecken drin.
Reno: Deiner gefällt mir besser. – Laß mich mal riechen, ich bin Experte.
Enno: Fass mich bloß nicht an, sonst hau ich Dir eins in die Eier, dann kannst du die Zelte deiner Oma nehmen.
Reno: Bleib geschmeidig Kleiner. – Ich bin auch nicht schwul, aber zum spielen hätt ich trotzdem Lust. – Ruf mich an.

Enno hatte gehofft, sie würde sich ändern. – Jetzt waren sie schon mehr als ein Jahr von ihm weg und sie saß immer noch bis morgens um drei vor dem Fernseher, in ihre Polardecke gehüllt und schlief. Dabei sah ihr Körper fast aus, als hätte sie Magenschmerzen.
Wenn er unerwartet nach Hause kam, stand sie vor dem Fenster und sah nach draußen.
Am liebsten hätte er für sie geschrien, stattdessen machte er nur den Kühlschrank auf, nahm sich eine Cola und ging, Langeweile demonstrierend, auf sein Zimmer.
In diesen Momenten hasste er sie für ihre Schwäche. – Warum nahm sie ihn nicht wahr, er würde alles tun, nur um einmal von ihr gesehen zu werden.
Das Gespräch mit Reno hatte ihn vollends aus der Bahn geworfen. – Wenn er jetzt auch noch schwul wäre. Zusammengekrümmt lag er auf seinem Bett und versuchte dem Drang zu wiederstehen, wenn er jetzt stark sein kann dann würde alles gut werden, er durfte nur nicht schwach werden. Sie brauchte ihn, ob er wollte oder nicht.

Du wolltest aufhören das zu machen

Du wolltest aufhören das zu machen
Ja ich wollte aufhören damit
Wie geht es dir
Ich weiß nicht
Natürlich weißt du
Es ist gerade nicht der richtige Zeitpunkt
Was heißt das
Mach dir keine Gedanken
Mach ich aber
Ich bin einfach verwirrt
Du musst nicht stark sein
Will ich aber
Du stehst am Abgrund du kannst jetzt nicht noch alles Mögliche ausprobieren
Ja ich glaube ich fühl mich komisch
Mach dir doch nicht selbst so einen Druck
Ich hab keine Ahnung – ich finde einfach keine Lösung
Du musst nichts lösen alles was du machst ist richtig
Ich schaff das nicht
Du musst nichts schaffen
Ich suche ja
Nein du suchst nicht
Doch wirklich ich suche aber hab noch niemanden gefunden
Wenn du wirklich suchst wirst du auch finden
Es ist besser wenn ich gehe
Warum läufst du davon
Ich mag dich sehr
Jetzt machst du dirs aber richtig einfach
Was auch immer das heißt
Kommst du wieder
Ich glaube nicht – nein ich komme nicht wieder
Kannst du nicht einmal normal ins Bett gehen, normal schlafen und normal aufwachen
Ich hab doch schon viel verändert
Du sollst nicht alles auf einmal machen, nimm dir mal das was du möchtest
Is da noch was von der Schokolade im Kühlschrank

Bekränzt erwacht

Bekränzt erwacht
In wüstem Land
Gewandert
Verschoben
Schon morgen
Wird der Blick
Ein anderer sein
Doch auch
Verwischte Spuren
Haben einen Abdruck
Gesuchter Mund
Vertieft
Vergraben
In verzauberter
Vergänglichkeit
Belasse Dich
zum Schwur
mit Schweigsamkeit

Heute mal nicht

Treffender hätte es – wahrscheinlich – nicht sein können. –
Vor allem in dieser Häufigkeit und dieser Reihenfolge. –
Alles so wie es das Unterbewusstsein schon vor langer Zeit vorgeahnt hat. –
Es ist faszinierend. – Zumindest endgültig, es ist endgültig. –
Was heisst – am Ende gilt es – hat am Ende Gültigkeit – ohne wenn und aber. – Oder?
Schon wieder gepatzt! Andere bekommen es doch auch hin und sehen immer perfekt aus. –
Und dabei ist es noch die gute Seite. – Also mit der Rechten die Linke. –
Die Farbe sah in dem Fläschchen so fröhlich aus und jetzt wirkt alles reichlich billig. –
Wie ist es möglich Hände ohne Muster zu haben, hell, freundlich, unschuldig, zart und doch bestimmt. – Den Fingerkuppen zulaufend, schmal, die man küssen möchte, streicheln, halten. –
Nein dieser Ton steht mir nicht!
Sie hatte gesagt ich soll mich auf die Hinterbeine stellen und mich wehren. –
Schon bei dem Wort Hinterbeine stutzte ich – sah sie mich auf allen Vieren. –
Dann ist ja alles klar!
Nagellackentferner – wie stark muss diese Farbe sein, dass sie nur mit diesem Geruch verschwindet.
Mir hat einmal jemand erzählt, dass eine Bekannte von ihm aus Versehen Nagellackentferner getrunken hat – oder war es Parfum? –
Innerlich entfernt. – Sich. – Er wusste nicht was aus ihr geworden ist. –
Sie hatte gesagt – das läuft schon – wirst sehen. –
Es ist gelaufen. –
Das hört sich ja viel versprechend an!
Genau! Genau, genau, genau! – Das ist es!
Ich lasse es machen – bei dieser kleinen Asiatin, mit den kleinen Händen und dem toten Blick. –
So flink und geschickt,als wäre es mühelos. –
Heute leiste ich mir das. –
Ein starkes Stück! –
Sie weiss bestimmt was zu mir passt – sie hat einen Blick dafür. –
Sprechen, gesprochen, versprochen
Versprochen – Versprecher!
Aber vorher muss der Geruch verflogen sein. – Was soll sie sonst denken? –
Die schafft das nicht selbst – nicht mal mit der Rechten. –
In den Ritzen ist immer noch was zu sehen, Reste, Spuren, Ungeliebtes. –

Lieder …

Keine Träne
suche Dich
– unsterblich –
weites Land , die Berge ohne Schnee
Tunnel Licht
Tunnel Licht
vergeblich
der Mond – er bleibt
wenn wir schon längst gegangen
es rinnt – unhaltbar
befeuchtet meine Lippen
bitter
Kuss

Mon cœur

Welch kühnes Treiben
Hat uns
In tiefes Meer gestürzt
Beäuge bunte Fische
Die kleine Fetzen
Meiner Haut verschlingen
Nur rohes Fleisch
Noch bleibt
Mit weichen Wellen
Wird nun unser Leib
Umspült
Es ist so tief
Bei Dir
Das weder
Tag noch Nacht vergeht
Versunknes Schiff
Getier
Durch meine Reste schwimmt
Und jede Öffnung
Eintritt gibt

Pia

Warum ging dieses Stäbchen immer so schwer in die vorgestanzten Löcher.
Mit der einen Hand hielt sie das zarte Riemchen, mit der anderen versuchte sie, das Stäbchen mit Treffsicherheit an seinen Bestimmungsort zu bringen.
Mit einem flüchtigen Blick nahm sie wahr, dass die Sonne schien. – Also höchste Zeit, nach draußen zu gehen. – Mit großem Schwung fand sie ihren Stand auf den nun angeschnallten, gigantisch hohen Pumps.
Jetzt musste nur noch durchdacht sein, welcher Mantel an einem solchen Tag passend war.
Nichts durfte heute, gestern, morgen, zufällig oder gar beliebig sein.
Sie war bereit. Ein kurzer intensiver Blick in das reflektierende Gegenüber und die Tür wurde geschlossen.
Egal wo sie auch hinging, war ihr Schritt immer zielstrebig und durchdringend. Ihre Augen sezierten ihr Feld und gaben die gewonnen Informationen an die Geschichtenmaschine weiter.
Am liebsten trug sie Sonnenbrille, um die Richtung und den Ausdruck ihrer Augen verborgen zu halten. Je mehr sie Äußeres wahrnahm je mehr konnte sie sich von ihren Gefühlen schützen.
Es war von Mal zu Mal das Gleiche – sie verliebte sich. – Nur kurz. – Dann war er einer der Seiten, die mit Nagellack zusammengehalten werden und nur mit Zerstörung wieder voneinander getrennt werden konnten.
Mit dem trocknen des Nagellacks, an den Seiten ihres Tagebuchs, glaubte sie auch jedes Mal, diesen fatal chemischen Geruch des Lacks auf der Zunge zu schmecken.
Keine der Seiten hatten eine Bedeutung, so wollte sie es wissen, und doch etwas blieb.
Warum wollte jeder mehr erfahren, als das was offensichtlich war. – Sie war doch nicht mal selbst bereit. – Wozu ? – Solche unvermeidlichen Diskussionen blähten ihren Kopf und trieben ihn wie eine Leiche ans Ufer.

Narziss

Narziss
Zwei Lieben
Traut im Spiel
Doch ängstlich
Mutlos
Worte kaum entstehen
Fast wie Geschwister
Gibt man sich
Dem Treiben hin
Doch Augen
Sind geschlossen
Nicht Feuer
Pure Gier
Bezwingt
Was ungesehen
Sich reibend
Lust zu eigen macht

Wie tragisch

Wie tragisch
Dieser Unfall
waren uns
Doch so gewogen
Verzerrt
Fast unansehnlich
Ihr Gesicht
Betrübt
Gar traurig
Dieser Anblick
Der Schmerz
Sitzt tief
Umsäumt
Von ihren Augen
Mein Finger
Auf Metal
Ein kurzes Spiel
Mit großer Wirkung
Die Kugel
Bahnt sich
Ihren Weg
Geradewohl
Und ohne Krümmung
Noch glaub ich
Diesen Hall
Zu hören
Der letzte Schlag
In dem Finale

Just in time I

1. Kennenlernen

Jacob und Soulis lernen sich auf einem Bauernhof kennen. Jacob wartet draußen auf dem Hof auf den Bauern. In einem Gatter sind die schnatternden Gänse. Soulis tritt zu ihm.

Soulis: Schon eine auserwählt?
Jacob etwas aus den Gedanken gerissen: Ich nehme, wies kommt.
Soulis: Ich möchte mein Opfer schon selbst aussuchen. – Die z.B. gefällt mir ganz gut.
Sie sollten das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Solange man wählen, kann ist noch nichts entschieden.
Jacob: Ich will einfach nur eine Gans.
Soulis: Und was passiert dann mit dem guten Stück?
Jacob: Ich habe mich noch nicht entschieden. Es ist für mich das erste mal, dass ich das selbst tun muss. Vorher wurde ich beglückt.
Ich bin neu hier. – Jacob.
Soulis: Jacob – Na dann lass uns das gemeinsam probieren. Unsere beiden Gänse kennen sich ja schon.

Umschnitt:
Soulis Atelierwohnung mit offener Küche. 2 Gänse sind im Ofen. Ein langer gedeckter Tisch steht im Raum.
Soulis: Wichtig ist zu wissen, was passiert wenn das Opfer merkt, dass es keine Chance mehr hat. Genau diesen Moment sollte man zumindest einmal mitempfunden haben. Erst dann weiß man, ob man zum Täter wirklich taugt. Sich der Tat und seiner Macht bewusst sein, gibt einem die Möglichkeit, seinen wahren Charakter und das eigene Limit zu entdecken. (Heute lässt man töten und sieht den eingeschweißten Kadaver im Kühlregal. Wenn es zu jedem Stück Fleisch das passende Video gäbe, in dem dieser Zeitpunkt dokumentiert wäre –) Vielleicht käme so mancher zu dem Entschluss, kein Täter zu sein. Denn genau dieser Moment, in dem das Opfer seiner Niederlage ins Auge sieht, ist auch der Moment, in dem der Täter entscheiden muss, ob er mit dieser Schuld und dieser Konsequenz leben kann.
Zünde schon mal die Kerzen an.
Soulis übergießt die Gänse abermals mit Flüssigkeit.
Soulis: Zumindest haben wir schon mal zwei gemeinsame Leichen im Keller.

2. Begegnung

Soulis steht in der Küche und schnippelt in großem Tempo. Man sieht im Raum eine aufgehängte Hängematte, die hin und her schaukelt. Die Person darin ist nicht zu sehen.
Soulis: Am Beginn einer Verhandlung – egal welcher – hat jeder die gleichen Chancen.
Wenn der eine glaubt er wäre im Vorteil, kann diese Überschätzung schon der Gewinn des anderen sein. Es ist also die absolute Leere, die uns weiterbringt. – Dann kommt es darauf an, wer von beiden schneller das Spiel spielt. – Dabei ist es wichtig, frühst möglich die Limits heraus zu finden. – Die eigenen und die des Mitspielers. Was nützt es, wenn der Gewinn meine eigenen Möglichkeiten übersteigt – ich also nach dem Gewinn kapitulieren muss. Andererseits schätze ich das Limit meines Mitspielers permanent zu hoch ein, werde ich nie gewinnen. Du musst also deinen Arsch gut pflegen, um ihn dir nicht zu verbrennen.
Hörst du mir überhaupt zu?
Jacob: Arsch pflegen.

3. Begegnung

Soulis schneidet Orangen auseinander.
Er hat einen abgeschrappten Bademantel an. Musik läuft – „Sag mir quando, sag mir wann“
Soulis quetscht sich eine halbe Orange in den Mund, wobei einiges daneben geht. Er tanzt durchs Atelier. Jacob räumt seine Sachen zusammen und zieht sich an.
Jacob: Ich muss jetzt los.
Soulis tanzt zu ihm hin. Plötzlich packt er ihn vorne am Hemd und drückt ihn gegen die Wand. Er steht dicht vor ihm.
Soulis: Wann?
Jacob: Dienstag?
Soulis lässt ihn los. Jacob schaut auf sein Hemd das jetzt voller Orangenflecken ist.
Jacob: Scheiß
Jacob geht in Richtung Tür.
Soulis aus dem Hintergrund: Deine Schuhe stehen übrigens auf dem Balkon.
Jacob geht auf den Balkon und greift fluchend seine vom Regen völlig durchnässten Schuhe.

Halte mich

Halte mich
Der Traum zerplatzt
Kein Schwur lässt Triebe sprießen
Bedacht von Dir mag Leben kostbar sein
Doch ohne mich
Bleibt wenigstens die Sehnsucht

Der Himmel

Der Himmel
geschwollen unter den Lidern
gezogener Schwur
weißer Streif in der Ferne
ohne Anfang ohne Ende
stehe nackt mit geschlossenen Augen
ein kleiner blauer Punkt
liegt auf der Zunge
schlägt aus
und schießt hinauf zur Stirn
bewegter Mund
ein Lächeln
zwischen hier und dort

Hätte ich mich meiner Hand befreit

Hätte ich mich meiner Hand befreit, müsste ich nicht deine Füßchen wärmen. Ein Schein zersetzt mein Herz, dein Schein ermüdet meine Seele. Nie warst du ein Teil von mir, du warst ein Teil in mir. Ein Lied schwimmt durch meine Adern, dein Gesang vergiftet mein Rot. Ohne Hoffnung bitte ich um Vergebung um meine eigene Gnade.

Lied:

Wärst du ein Teil von mir
Wärst mein Gesang
Trög meine Seel dich fort
Wärst niemals bang
Und nur ein Stückchen Trost
Gäb mein Herz ganz

Galerie

Duxius – Daredevil – Making Of


Konzeption, Regie, Choreografie für das Video „Daredevil“ von Duxius (Youtube ↗).


Fotos © Holger Kral, Berlin – kral-photography.com